Angedacht


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Freunde,

Das neue Jahr hat ruhiger begonnen als sonst. Es waren weniger Böller in der Luft. Weniger Lichter haben mitten in der Nacht den Himmel erleuchtet. Es war schon länger angekündigt, dass es in diesem Jahr so kommen würde. Vielen Menschen hat die Ruhe sicherlich nicht viel ausgemacht. Und doch ist diese Stille am Jahreswechsel ein unheilvoller Vorbote für das, was im Jahr 2021 auf uns zukommt. Auch in diesem Jahr werden wir uns weiter mit dem Thema Gesundheit auseinandersetzen müssen. Nicht alles können wir mit dem Ablauf des vergangenen Jahres einfach hinter uns lassen. In mir hallt noch der Satz nach, den Gesundheitsminister Jens Spahn zu Beginn der Pandemie gesagt hat: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Vergebungsbereitschaft, Großmütigkeit, Barmherzigkeit – diese Tugenden werden auch weiterhin gefragt sein. Es wurde viel von uns gefordert in den letzten Monaten und ein definitives Ende ist derzeit noch nicht in Sicht. Also einfach so weitermachen wie im letzten Jahr?

Das biblische Mottowort für das Jahr 2021 spricht scheinbar direkt in diese Unsicherheit hinein. Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36) Als hätte Jesus direkt in unser Heute gesprochen. Barmherzig sollen wir sein. Doch was bedeutet das genau? Eine mögliche Erklärung dieses Wortes aus dem althochdeutschen nimmt die Worte „arm“ und „Herz“ auf: Barmherzig sein heißt, ein Herz für die Armen zu haben. Das haben wir zurzeit ganz besonders vor Augen. Ich möchte die Bedeutung von Barmherzigkeit noch etwas weiter fassen. Für mich bedeutet barmherzig sein nicht nur für die Kranken da zu sein und die Alten zu schützen. Es geht ganz grundlegend darum, die Menschen um uns herum im Blick zu haben: Freundschaften zu pflegen, den Kindern eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu stellen, Zerstrittene nicht noch weiter zu entzweien – und auch auf meine eigene seelische Gesundheit zu achten.

Von guten Vorsätzen halte ich persönlich ziemlich wenig, denn die Einhaltung dieser Vorsätze gestaltet sich nicht nur mit dem fortschreitenden Jahr immer schwieriger, sondern auch mit dem fortschreitenden Alter. Da reiht sich irgendwann ein Jahr ans andere, ohne dass wir die Besonderheiten dieses Jahres noch benennen können. Mit dem vergangenen Jahr mag es uns anders gehen. Doch es geht ja nicht nur darum, dass wir uns an ein Jahr erinnern, sondern wie wir uns daran erinnern. Was bleibt uns von dem vergangenen Jahr im Gedächtnis? Und welche der Erinnerungen wollen wir behalten, und welche lieber nicht? Oft genug haben wir das nicht in der Hand. Aber wenn wir in der glücklichen Lage waren, dass jemand an uns barmherzig war, dann bleibt uns das normalerweise lange im Gedächtnis. Mir bleibt im Gedächtnis, wo mir jemand eine unerwartete Freude gemacht hat, wo trotz aller Umstände doch das eine oder andere Treffen auf Abstand möglich war, wo Versöhnung wieder möglich wurde. Das tut meiner Seele gut.

Ich weiß aber auch, dass diese Gesten der Barmherzigkeit nicht selbstverständlich sind. Ich kann am besten das weitergeben, was ich selbst erfahren habe. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, heißt es im Motto für 2021. Wir haben einen himmlischen Vater, der schon an uns barmherzig war, bevor wir auf der Welt waren. Am vergangenen Weihnachtsfest haben wir daran gedacht, dass Gott Mensch geworden ist. In dem kleinen Kind Jesus hat sich Gott von seiner liebevollsten und zugleich verletzlichsten Seite gezeigt. Auch das gehört zur Barmherzigkeit dazu. Gott macht sich klein.

Und so merke ich, dass es nicht nur in der Welt äußerlich ruhiger wird. Ich werde auch innerlich ruhiger und lasse dieses Jahr auf mich zukommen.

Claudia Matzke, Pastoralreferentin i.A.